Zweiter
Tag.
Am Donnerstage hatte kaum die Sonne
Begonnen ihren lichten Tageslauf,
Als aus des süßen Morgenschlummers Wonne
So einer nach dem andern wachte auf.
Zum Bahnhof bald den nächsten Weg wir wählten,
Wo mit dem Zug von Bebra kurz vor neun
Albert und Hugo, die uns gestern fehlten,
Wie sie versprochen, pünktlich trafen ein.
Es war uns allen eine große Freude,
Als beide sprangen von dem Wagentritt;
Und als begrüßt wir sie nun alle beide,
Ein sanftes Lächeln über Hugos Antlitz glitt,
Was darin lag, ich kann es nicht beschreiben,
Doch sicher hatte jeder das Gefühl:
Der wird nicht lange Junggesell mehr bleiben,
Drum, liebe Kinder - in Erwartung - still!
Darauf begab man langsam sich nach Hause,
Und, da bis elf noch eine Stunde Zeit,
Spaziert von hier aus man in die Karthause,
Wo Blumenflor und Aussicht uns erfreut.
Doch weder Wartburgblick noch Blumenzierde
Konnt fesseln heute Bruder Hugos Blick,
Der mit der Mutter auf und ab marschierte,
Er schaute nur in seiner Zukunft Glück.
Zum Photographen lenkt' man drauf die Schritt.
Wie hätte es auch anders können sein,
Als daß wir nach der guten alten Sitte
Zusammen ließen uns abkonterfei'n!
Da ward nun lange hin und her berathen,
Man mußt' sich setzen, stellen, legen hin,
Bis alle endlich Platz gefunden hatten,
Und jeder sich placiert nach seinem Sinn.
Dann trat der Photograph zu seinem Glase
Und sprach: So - nun recht freundlich - bitte
Doch grade hatte sich auf Julius' Nase jetzt -
'ne dreiste dicke Fliege hingesetzt.
Da war's vorbei natürlich mit der Platte;
Wer hätt' das böse Tier auch nicht verscheucht?
Die dreiste dicke Fliege aber hatte
Für diesmal wirklich ihren Zweck erreicht.
Viel besser ging es dann zum zweiten Male;
Zwar wurde diesmal Anna attaquirt,
Jedoch - bewundern mußten wir sie alle -
Sie hielt es aus und hat sich nicht gerührt.
Doch dreie sind ja aller guten Dinge;
Wir wurden nochmals drum photographiert,
Damit das Bild auf jeden Fall gelinge;
Und sieh', es hat zum guten Ziel geführt.
Zu Beck nunmehr alle sich begaben,
Nur Hugos Aufgab war noch nicht erfüllt,
Denn, wenn man sich verlobt, so muß man haben
Für seine Braut doch ein getreues Bild.
Wir andern tranken unterdes vergnüglich
Ein Gläschen Petersberger Gerstensaft,
Und schöpften daraus weis' und klüglich
Nach schwerer Arbeit wieder neue Kraft.
So war der Morgen schnell uns hingegangen,
Und bald war es zum Mittagessen Zeit,
Bei dem gar hell die vollen Gläser klangen;
Der Mutter war das erste Hoch geweiht.
Auch Karlen drängte es, ans Glas zu klopfen,
Ihr wißt wohl noch der Rede Gegenstand;
Er sprach ja als Vertreter der fünf Tropfen,
die uns verbunden durch der Liebe Band.
Gar wichtig ist's und interessant zu wissen,
Wie schwer wohl eines jeden Körper sei,
Denn in der Regel kann man daraus schließen
Auf die Gesundheit und sonst mancherlei.
Drum ließ nach Tisch man eine Waage bringen,
Und was mit dieser nun ward konstatirt,
das sei, weil nützlich es zu manchen Dingen,
Genau in dieser Chronik angeführt.
Die größte war natürlich Hansens Schwere,
Da hundertdreiundsiebzig Pfund er wiegt,
Und ein Beweis dafür, daß Liebe zehre,
Sind Hugos hundertsiebenundfünfzig nicht.
Auch Adolf, kann man sagen, wiegt nicht wenig,
Hat er doch hundertdreiundfünfzig Pfund,
Und Walter ist bei hundertdreiundvierzig
Verschnupft zwar, aber sonst doch ganz gesund.
Einhundertzweiundvierzig Pfunde brachte
Dann ferner Bruder Albert auf die Waag',
Und ebensoviel Karls Gewicht ausmachte,
Auch dieses ist genug noch ohne Frag'.
Der schwersten einer bist Du nicht, o Julius,
Denn hundertneununddreißig ist nicht viel.
Noch vier Pfund schwerer aber Ewald sein muß,
Wenn er mal hundertdreißig wiegen will.
Von allen Damen jetzt wog am meisten
Die Laura, hundertdreiunddreißig Pfund,
Die Mutter kann sich hundertdreißig leisten,
Zehn weniger ist Hänschens Summe rund.
Einhundertsiebzehn Pfund wog Adolfs Anna,
Die andre Anna aber wen'ger noch,
Denn sie, die schlank wie eine schöne Tanne,
Einhundertvierzehn Pfund gerade wog.
Genau so viel auch auf Helene kamen,
Und Klaras hübsche Zahl ist hundertelf.
Addiren alles wir nunmehr zusammen,
So haben grad zweitausend wir und zwölf.
Und wer am Rechnen nun noch hat Gefallen,
Der rechne aus, was Ihr schon lange wißt
Daß Laura in der Mitte steht von allen,
Daß sie der Durchschnitt der Familie ist.
Als nun die große Wiegerei geschehen,
Und jeder kannte seines Körpers Last,
Brach bald man auf, zur Wartenburg zu gehen,
Wohin in Eisenach ja jeden Gast
Und jeden Wandrer seine Füße tragen.
Wir klommen einen steilen Weg hinan,
Auf dem man zwar ein wenig sich mußt' plagen,
Doch glücklich kamen alle oben an.
Zu Anfang bot sich eine klare Aussicht,
Weit konnte schaun man über Berg und Thal,
Doch lange dauerte das leider garnicht,
Denn bald verschwand der letzte Sonnenstrahl.
Darum besorgt' uns Albert schnell ein Zimmer,
Das Schutz uns bot vor Regen und vor Wind;
Drin waren heiter wir und froh, wie immer
Glückselge Menschen es zusammen sind.
Auch fehlt es diesmal nicht an vielen Witzen,
Gute und schlechte waren's, alt und neu;
Und wer poet'sche Gaben thät besitzen,
Der dichtete drauf los ohn' jede Scheu.
Damit nun aber nicht verloren gehe,
Was auf der Wartburg da ward fabriziert,
Und zur Erinnerung in der Chronik stehe,
Hab ich's an dieser Stelle aufnotiert:
Postkarte an Onkel August und Tante Adeline:
Hochverehrte, liebe Tante,
Theurer Onkel und Verwandte!
Oben von der Wartburg Kante,
Wohin die Familie rannte,
Man schon manchen Gruß entsandte,
Weil das Herz von Lieb' entbrannte,
Und man draußen Schirm aufspannte,
Und dies uns ans Zimmer bannte,
Dichterisch wie ehmahls Dante
Theilweis aus dem Helgolante
Ganz piano und andante
Grüßen Dich, o liebe Tante
Theurer Onkel! Anverwandte.
Poetischer Gruß an Alberts Schwiegereltern:
Einen guten Schwiegervater
Unser Bruder Albert hat er?
Ja, er ist ein guter Mann,
Wer ihn hat, der ist gut dran.
Doch die Schwiegermutter, Brüder,
Ist ihm noch bedeutend über.
Ja, wer solche Eltern hat,
Dem ist wohl in Land und Stadt.
Und sie haben, wißt Ihrs schon?,
Einen „Staat" von Enkelsohn!
Antwort auf obiges Gedicht:
Als heute Dein Gedicht wir lasen,
Packt uns die Rührung übermaßen;
Daß Zeit man fand, an uns zu denken,
Den Pegasus hierher zu lenken.
Wir senden Gegengruß mit Dank
Für den so wohl gelungnen Schwank.
Uns hier der blasse Neid erfaßt;
Wir wären gern bei Euch zu Gast
Bei soviel Heiterkeit und Glück.
Doch „murre nicht mit dem Geschick",
Spricht Vater Otto wohlbedacht,
„Den Kindern jetzt Glückssonne lacht.
Wir unterdes die Äcker pflügen,
Daran laß, Mutting, Dir genügen."
Gut Heil! zum schönen Rendezvous
und 1000 Grüße noch dazu
Von Vatting u. Mutting.
Allmählich ward es Zeit nun, daß nach Hause
Man ging, damit es nicht zu dunkel würd!
Zwar regnete es jetzt fast ohne Pause,
Was junge Leute aber nicht genirt.
Viel Lieder wurden unterwegs gesungen;
Die Clara stimmte in der Regel an.
Zwar hat es gerade nicht sehr gut geklungen,
Doch keiner singt ja besser als er kann.
Am Abend wurde feierlich begangen
Bei Albert sein und Hänschens Hochzeitstag.
6 Jahre schon, wie schnell sind sie vergangen,
Haben verlebt sie nun in Eisenach.
Möge des Glückes Sonnenschein auch weiter
Hell strahlen in ihr freundlich, gastlich Haus
Und mögen viele Jahre froh und heiter
Und glücklich sie drin gehen ein und aus.
So wurde denn durch schöne Abendstunden
Beschlossen dieses schönen Tages Lauf.
Dann wünschten alle sich einen gesunden
Und guten Schlaf, und dieser folgte drauf.
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