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Isabella
Nadolny:
Erbslöh
Von den vielen
Onkeln meiner Kindheit war nur einer unentbehrlich, und der war
gar nicht mit uns verwandt: Adolf Erbslöh, Freund Kanoldts, Freund
Meyrinks, Mitglied der Neuen Sezession, Original und Weltmann, Zigarrenraucher
mit großer Hornbrille. Er hatte seinen Platz am Teetisch der Eltern,
und ich lachte schon über seine Witze, ehe ich sie verstand.
Er war ein brillanter Erzähler; jeder Dialekt, jede Nuance einer
fremden Sprache, jede Anekdote war bei ihm in den besten Händen,
jede Pointe saß wie ein Schuß. Ich meinte, er müsse Musiker sein,
weil er soviel von Musik sprach, auch wohl den Teller zurückschob
und auf dem Tisch trommelte, wie welcher Dirigent welches Tempo
nahm. Und dabei hingen die von ihm gemalten Portraits an der Wand
und einige seiner beinah kristallinisch stilisierten Landschaften.
Später merkte ich, daß von seinen schweren und zugleich leuchtenden
Farben Trauer ausging, ja, daß er wie so viele sprühende Humoristen
im Grunde ein melancholischer Mann war, streng mit sich und seinen
Bildern, mißtrauisch gegen das eigene Talent. Er sprach niemals
von sich, jedoch mit beträchtlichem Feuer von anderen, warb für
sie, setzte sich ein, half ihnen, oft ohne daß sie es erfuhren.
Als ein Kunstsalon ihn aufforderte, seine Bilder auszustellen, lehnte
er mit dem Bemerken ab, sie sollten lieber Jawlensky zeigen, das
sei wichtiger. Als ich noch den Muff an einer Kordel umhängen hatte,
saß ich ihm in seinem Atelier und bekam dafür alle Viertelstunde
ein Stück von der Schokolade, die unter meinem Stuhl wartete.
Er trat an der Staffelei vor und zurück und musterte mich mit zusammengekniffenen
Augen. Trotzdem sah er mich nicht, ich konnte ihm Grimassen schneiden
wie dem Löwen, der durch mich hindurch auf den im Hintergrund rumorenden
Wärter schaut. Ich wuchs. Der Strich im Rahmen der Eßzimmertür,
an der man mich maß, geriet immer höher. Erbslöh blieb der gleiche
interessante Onkel. Nie kniff er mich in die Wange, nie fragte er
mich, wie ich in der Schule stünde, nie ließ er mich ausrechnen,
wann zwei Radfahrer zusammentreffen, die gleichzeitig aufbrechen,
jedoch verschieden schnell fahren. Er fragte vielmehr: „Wenn du
im Bett weinst, weinst du dann nach vorn oder nach hinten?" oder:
„Haben bei dir die Wochentage auch Farben? Bei mir ist der Mittwoch
gelb!" Und wie ernstgenommen fühlte ich mich, wenn er mit den Händen
einen Rahmen in der Luft formte und sagte: „Bleib mal so stehen!
Prachtvolles Blau, dein Kleidchen!"
Nie dünkte
mich die Welt der Erwachsenen erstrebenswerter, als wenn er da war.
Wer wollte nicht auch groß sein, wenn Furtwängler derart Bruckners
Siebente dirigierte, Zdenka Faßbender eine solche Elektra sang,
Sacharoff und Clothilde von Derpp tanzten, Karl Valentin grantig-philosophische
Aussprüche tat, die Erbslöh genüßlich mehrfach vor sich hinsprach,
wobei er mit der Zigarre steuernde Bewegungen machte. Irgendwann
einmal erwähnte er seine Malerei und sagte, sein stärkstes künstlerisches
Erlebnis sei jedes Jahr „unser herrlicher, ernster, dunkelleuchtender
deutscher Sommer mit dem vielerlei Grün und den violetten Schatten".
Ich vergaß es nie, obwohl ich Wald und Gebüsch nicht so sah wie
er. („Erkennt, Freunde, was Bilder sind, das Auftauchen an einem
anderen Ort", schreibt Franz Marc.) Erbslöh lehrte mich, eine Landschaft
mit schiefgelegtem Kopf oder durch die gespreizten Beine zu betrachten,
dann sehe man die Valeurs deutlicher. Es stimmte, ebenso wie der
Ausspruch, daß mit Leuten, die nicht auch einmal so richtig albern
sein könnten, irgendwas verkehrt sei. Er war spontan wie ein Kind.
„Gott, wie fürchterlich", rief er, durchs Fenster blickend, „da
kommt ja wieder dieses total verzeichnete Ehepaar!" Er schlug seinem
Sohn am Klavier auf die Finger und fragte: „Was heulste denn, es
soll dir Freude machen!" Als er an ländlichem Strand einen Freilichtakt
malen wollte und an die Anstandsvorstellungen der Bauern gemahnt
wurde, meinte er: „Unsinn! Bei Malern gibt's doch gar keinen Anstand!"
Er hielt eine Eiche für einen Birnbaum, zerstörte in hilfloser Ungeduld
kniffliges technisches Gerät, kannte aber jedes Buch von Belang
und hatte eine große Konzertplattensammlung. Entdeckte er einen
besonderen Menschen, so lud er ihn zu sich ein, aber mit allen denen
zusammen, die für den Gast wichtig waren, denen dieser etwas geben
konnte und umgekehrt. In seinem Haus haben sich Künstler aller Gattungen
kennengelernt, haben sich Wege gekreuzt und Begegnungen vollzogen
bei einem leichten Mosel und ein paar Käsestangen. Was würde er
von der heutigen Gastlichkeit halten, bei der es alle zwei Stunden
etwas anderes zu essen gibt, bei der man aber seine Miteingeladenen
nicht kennenlernt?
Als Erbslöh ins Isartal, meine Eltern nach Paris zogen, trennten
sich die beiden Familien schwer und ungern. In den dreißiger Jahren
kam Erbslöh im Sommer noch oft zu uns an den Chiemsee, per Rad,
im Rucksack ein frisches Hemd, Zeichenkohle, eine Flasche Eau de
Cologne und einen Band Schopenhauer. Dessen böses Wort von der „schlechtesten
aller Welten" zitierte er des öfteren in seiner Verzweiflung über
das Unglück Deutschlands, erzählte die neuesten politischen Witze
mit dem gewohnten Feuer.
Zu meiner Hochzeit sollten nur engste Verwandte kommen. Wie sollten
wir ohne Erbslöh feiern? „Weißte, Sascha, du sagst einfach, unsere
Großväter seien Stiefzwillinge gewesen", schlug Erbslöh vor. Krieg
und Nachkrieg verhinderten das Wiedersehen. Erbslöhs Herzleiden
verschlimmerte sich rasch, er starb, ohne daß wir zu seiner Beerdigung
fahren konnten. Wir sprachen weiter von ihm, zitierten ihn, lachten
über ihn. Er blieb gegenwärtig. Er ist es noch. Zwölf Jahre nach
seinem Tod fragte Papa, der den Zusammenhang mit der Realität verloren
hatte: „Warum kommt Erbslöh nicht?" Vielleicht war diese Freundschaft
schon damals ein Anachronismus, etwas, das im Wilhelm Meister stehen
könnte. Meine Ahnung, daß es für mich niemanden geben werde, wie
es Erbslöh für die Eltern war, hat sich bestätigt
Aus:
Isabella Nadolny, „Durch fremde Fenster", Paul List,
München 1987 und dtv 11159, München 1989.
Isabella Nadolny (geb. als Isabella Peltzer; Pseudonyme: Isabella
Burkhard, Isabella Ma Jolny) (* 26. Mai 1917 in München;
31. Juli 2004 in Traunstein) war eine deutsche Schriftstellerin
und Übersetzerin.
Isabella
Nadolny stammte aus einer großbürgerlichen Familie; der
Vater war Maler. 1941 heiratete sie den Schriftsteller Burkhard
Nadolny; aus dieser Ehe ging ein Sohn, der Schriftsteller Sten Nadolny,
hervor. 1951 begann Isabella Nadolny als Schriftstellerin.Sie
lebte in Chieming am Chiemsee. Sie erhielt 1963 den Tukanpreis der
Stadt München, 1975 den Ernst-Hoferichter-Preis, 1992 das Bundesverdienstkreuz
und 1994 den Bayerischen Verdienstorden.
Werke u.a.: „Ein Baum wächst übers Dach" (1959), „Seehamer Tagebuch"
(1961), „Vergangen wie ein Rauch" (1964), „Der schönste Tag" (1980),
„Providence und zurück" (1988). Siehe auch hier.
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