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Margrit
Plutte
Meine
Begegnung mit Heinz Ritter
An einem kühlen,
leicht windigen Nachmittag, es war der 6.5.1993, lernte ich Heinz
Ritter während eines Umsteigehaltes auf dem Bahnhof Herford
kennen. Wie wohl schon viele Menschen vor uns, kamen wir über
die kühle Witterung ins Gespräch.
Er war auf
dem Weg nach Xanten, um einen Vortrag über die Nibelungen zu
halten, ich wollte an einem weiteren Seminar eines Biographie-Beratungs-Lehrgangs
auf anthroposophischer Grundlage in Dortmund teilnehmen. Meine Offenheit
und mein Interesse für menschliche Lebensläufe, insbesondere
eines Menschen, der fast so alt war wie das Jahrhundert, wurde von
Heinz Ritter mit entsprechender Offenheit erwidert, und so befanden
wir uns während der fast zweistündigen gemeinsamen Fahrstrecke
bis Dortmund in einem intensiven Gespräch über sein Leben.
Ich war fasziniert von seiner Freimütigkeit, Beweglichkeit
und Fröhlichkeit und spürte eine Authentizität seiner
Person, wie selten bei einem Menschen.
Besonders
brannte sich ein Bild in mir ein, mit dem er seine gesamte Erkenntnisarbeit
überschrieb: Nachdem er die Anthroposophie kennengelernt und
auch in der Heilpädagogik und Waldorfschule gearbeitet habe,
sei ihm in seiner Lebensmitte zu Bewußtsein gekommen, daß
er nicht länger die unbekannten Erscheinungen der Welt vom
Scheinwerferlicht eines anderen beleuchtet anschauen wollte, sondern
es vorzöge, zunächst die Dunkelheit zu akzeptieren, um
sie dann nur mit dem kleinen Licht seiner eigenen ( Erkenntnis-
) Flamme auszuleuchten; so könne er sicher sein: Das Erkannte
beruhe auf eigener Arbeit, Geduld, Ausdauer, eigenem Ringen um Erkenntnis
der Wahrheit.
Er war kein
Nach-Denker". Er setzte sich zur Maxime: Nur durch eigene
Arbeit errungene Erkenntnis soll Grundlage des eigenen Handelns
sein!
Dieses Bild
des Scheinwerferlichts eines Größeren" und
der eigenen kleinen Flamme" paßte genau in meine
biographische Situation. Für mich stand fest, als Heinz Ritter
mich beim Abschied nach Schaumburg einlud, daß ich seiner
Einladung folgen würde, um ihn näher kennenzulernen.
Ich lernte
ihn dann weiter kennen durch viele Gespräche, auch das Telefon
wurde dazu benutzt, und durch seine Bücher. Auch wenn ich mich
bisher nicht sonderlich für die Nibelungen, Hermann den Cherusker
und die übrigen germanischen Helden interessiert hatte, so
beeindruckte mich doch, wie er seine Forschungen betrieb: Er fragte,
forschte in den Quellen, besah die vermuteten örtlichen Gegebenheiten
und konnte alles aus einer Zusammenschau all dieser Dinge in die
Antworten hineinleben.
Ihm erschlossen
sich dadurch scheinbar verborgene Gegebenheiten. Er erlebte die
Arbeit als einen lebendigen Prozeß des Werdens, der seine
eigene Gesetzmäßigkeit hat; er ging analytisch vor, aber
nicht die Einzelteile bildeten dann das Ganze, sondern das Ganze
war etwas ganz eigenes, das er aber in der Zusammenschau der Einzelteile
zu erkennen vermochte. Er öffnete seine Sinne den Dingen der
Welt, so daß sie selbst zu ihm sprechen konnten; er drängte
ihnen nicht seine gewünschte Antwort auf, sondern nahm sie
an ihnen wahr. Aber das Ganze war dann eben noch mehr, noch ein
anderes als nur die Summe dieser Einzelteile.
Verwandter
fühlte ich mich innerlich mit ihm in den Büchern Die
Kraft der Sprache" und der Traum vom Gralsfelsen";
letzteres gibt einen Teil seiner Fragen wieder, die er im Laufe
seines Lebens hatte und welche er zum Teil nicht mehr beantwortet
hat, wie zum Beispiel seine Frage: Welche Kraft war es?",
in der er sein Ringen um die Frage der Christuswesenheit gefaßt
hatte. Wenige Tage vor seinem Tode sprachen wir darüber. Er
war nicht mehr der unermüdlich Schaffende, sondern hatte bereits
losgelassen und war dennoch (oder gerade deshalb?) zuversichtlich:
Man muß auch Fragen stehen lassen können; vielleicht
erfahre ich ja jetzt bald, welche Kraft es war und ist." Auch
im Übergang vom Leben zum Tod empfand Heinz Ritter sich als
Lernender, Werdender, sich Wandelnder.
Ich habe nur
einen ganz kurzen Abschnitt von Heinz Ritters langem, reichen Leben
begleiten können, aber ich denke, ich habe eine Ahnung davon
bekommen, daß er eine zeitgemäße, bewußt
gelebte Biographie auf der Erde für uns zurückgelassen
hat.
Noch getreulich
der Familientradition folgend hatte er als ältester Sohn eines
Mediziners das Medizinstudium gewählt, hatte andererseits aber
bereits durch die Verbindung zur Wandervogelbewegung die Suche nach
der eigenen Wahrheit und Authentizität eingeleitet. In Tübingen
und Freiburg lernte er die Anthroposophie kennen, in Bonn den Anthroposophen
Haaß-Berkow, mit dem und anderen Studenten er die Oberuferer
Weihnachtsspiele spielte und dabei die Sprachgestaltung erlebte
und in sich aufnahm. Welche Faszination Sprache auf ihn ausübte,
spürte er schon damals.
Aber der Bruch
mit dem begonnenen Weg kam durch die Spanienfahrt: Harmlos begonnen
als Wanderfahrt der Wandervögel, endete sie für ihn als
Schicksalsfahrt; äußerlich wie innerlich trennte er sich
von dem bis dahin seinen Weg bestimmenden Begleitern, indem er seine
Freunde allein nach Deutschland zurückkehren ließ, dem
Medizin-Studium eine Absage erteilte und allein vier weitere Monate
in Spanien blieb. Der Grundstein für seine Sprache-Forschungen
wurden gelegt.
Noch als Sohn
seiner Väter war er als Einundzwanzigjähriger Richtung
Spanien gefahren, als Eigenständiger, als Erwachsener, der
seinen eigenen Weg gehen wollte, kam er zurück.
In den nächsten
vierzehn Jahren setzte er diesen Weg fort, studierte Germanistik,
Spanisch und Biologie - letzteres vielleicht als Zugeständnis
an die bereits begonnene Naturwissenschaft, vielleicht aber auch,
um weiterhin die Sinne für die Wahrnehmung der Natur zu schulen
und zu schärfen sowie die exakte naturwissenschaftliche Forschungsweise
weiterhin zu üben.
Nach dem Examen
begann die heilpädagogische Arbeit in der ersten anthroposophischen
heilpädagogischen Einrichtung nahe Jena; später die Begründung
des Waldhauses in Malsch mit Bollig, gefolgt von der Waldorflehrerzeit
in Hannover. Es war eine Zeit, wo er aufnahm und lernte von selbst
gesuchten Lehrern, was er lernen konnte und wollte.
Und dann,
als die Waldorfschule in Hannover schließen mußte, ging
damit auch ein Abschnitt für ihn zuende; in seiner Lebensmitte
stand die Erkenntnis vor ihm; Ich will nicht mehr nur nach-denken,
was ein anderer vor-gedacht hat; mein Handeln soll nur noch meine
eigenen Erkenntnisse umsetzen. So wie er mit 21/22 Jahren seine
familiären Traditionen abgestreift hatte, so emanzipierte er
sich mit 35/36 Jahren von seinen geistigen Lehrern und stellte sich
als Ich" allein in die Welt.
Und nun begründete
er das Kinderheim in Schaumburg. Bedeutsames, wesentliches Werkzeug
seiner Erziehung war vor allem die Sprache. Das war sein Medium:
Sprache war selbstverständlich dazu da, um Erlebtes zu beschreiben,
Gefühle auszudrücken, Gedanken mitzuteilen; aber er wußte,
daß sie mehr war und ist. Er hatte längst erkannt, daß
Sprache in Form von Reimen, Versen, Märchen, Liedern und Spielen
formende Kraft für die Entwicklung von Körper, Seele und
Geist hatte. Durch ihre Vokale, Konsonanten und ihren Rhythmus bildet
sie an dem Menschen. Aber der Rhythmus muß auch im Tages-,
Wochen-, Monats- und Jahreslauf lebendig sein, weil er an der Zeitgestalt
des Lebens formt.
Die Grundlagen
seiner Pädagogik waren nicht zeitgebunden, sie waren geprägt
von der Erkenntnis, was Mensch-sein und Menschwerden ausmacht; sie
war tief verwurzelt in der Liebe zum anderen Individuum, zur Natur,
zu den ewigen Fragen nach dem Ursprung und dem Sinn des Lebens.
Und nachdem
er sein Lebenswerk eigentlich als erfüllt hätte ansehen
können, begann ein weiterer Abschnitt mit der Forschung und
literarischen Darstellung seiner frühgeschichtlichen Forschungsergebnisse.
So stellt
sich mir Heinz Ritters Lebensweg als eine zeitgemäße
Biographie dar: Er machte sich als Einundzwanzigjähriger frei
von den familiären Forderungen, wählte sich selbst seine
Lehrer, bis er in der Lebensmitte seinen ureigenen Weg fand und
ging, immer authentischer werdend, immer näher herankommend
an seine Lebensaufgabe, aber nie erstarrend, sondern ein sich Entwickelnder,
Wandelnder bleibend. Auf ihn paßt das Wort: Ich bin,
der ich sein werde."
Meine wenigen
Gedanken zeigen nur, daß ich lediglich eine Ahnung davon erhalten
habe, was sein Leben ausmachte. Aber das wenige, was ich wahrnehmen
durfte, woran er mich teilhaben lassen konnte, wird mir ein Vorbild
sein: Es geht darum, die Aufgabe des Tages" zu bewältigen
und das nur so, wie es der eigenen inneren Wahrheit angemessen ist;
es geht darum, sich des eigenen Weges, des eigenen Auftrags bewußt
zu werden und geistesgegenwärtig die Schicksalsanstöße
zu erkennen, um diesen Weg immer neu zu definieren, mutig zu handeln
mit Verantwortlichkeit für das eigene Tun, um stets ein Werdender
zu bleiben.
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