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Marie-Luise
Nischelwitzer, geb. Erbslöh
1990
Weihnachten
in den Zwanzigerjahren
im Hause Erbslöh-Appelius in Eisenach
Heiligabend
in der Luisenstraße
In meiner Kindheit
standen nicht wie heute die Schokoladenmänner und Marzipanbrote
schon im Oktober in den Schaufenstern, und selbst im November glitzerten
noch kein Lametta und keine Goldsterne in den Läden. Die Weihnachtszeit
begann erst im Dezember.
Am 1. Advent
fingen wir Kinder mit unseren Weihnachtsarbeiten an. Hinter Büchern
verschanzt, damit kein Unbefugter sah, was wir bastelten, saßen
wir am großen Kinderzimmertisch und sägten und klebten
und stickten und nähten und aßen dabei Pfeffernüsse,
bis wir einen ganz faden Geschmack im Munde hatten. Wenn gerade
kein Erwachsener in der Nähe war, kokelten wir mit Kerze und
Tannenzweigen (was natürlich verboten war), um Weihnachtsduft
ins Zimmer zu bringen.
Wir hatten
furchtbar viele Verwandte und Bekannte zu beschenken. Gekaufte Gaben
waren verpönt. Manchmal lieferten wir beinahe fabrikmäßig
- je nach Alter und Können - Buchzeichen, Garnwickel, Schlüsselbrettchen
oder Deckchen. In einem Jahr prunkten wir sogar mit Seidenmalerei.
Eine Freundin unserer Großmutter, Fräulein von Rappard,
hatte uns das beigebracht. Mit Plätzchen und Schokolade - nicht
etwa gewöhnlichen Kakao - und Geschichten aus ihrer Jugend
zur „Kaiserzeit lockte sie sogar Bruder Günther, der
„Weiberarbeiten doof fand, in ihr Altdamenstübchen. Ich
durfte meine Freundin Lotte mitbringen. Dafür luden wir Fräulein
von Rappard dann zu unserer Weihnachtsaufführung ein. Ihr würdet
euch heute krank lachen über den selbstgedichteten Schmuß
vom „Prinzeßchen, das arme Kinder beschenkt", dem Weihnachtsmann
und den Engelchen, die „zum Fenster herein schwebten, das
heißt, Sie sprangen mit wenig Grazie und großem Krach
vom Fensterbrett.
Aber dem Beifall
nach waren unsere Zuschauer sehr beeindruckt. Regie führte
Erna, unser zwergwüchsiges Kindermädchen. Gewöhnlich
ließ Sie ihre Minderwertigkeitsgefühle gern an uns, vor
allem aber an Irmi, der Jüngsten aus. Aber für die leitende
Rolle war Sie sehr geeignet. Außerdem sorgte Sie für
die Kostüme und die Räumarbeiten im Kinderzimmer, das
in Zuschauerraum und Bühne umgewandelt werden mußte.
Ein weiterer Höhepunkt der Vorweihnachtszeit war das Moossuchen
für die Krippe. Mit Körben zogen wir in die Ludwigsklamm;
dort kannten wir schon die Stellen, wo die schönsten Moospolster
wuchsen. In manchen Jahren mußten wir Sie unterm Schnee hervorbuddeln.
Zwei Tage vor
dem Fest wurden die drei Eßzimmertüren abgeschlossen,
weil dort das „Christkindchen am Werk war, und wir aßen
in Vaters Zimmer zu Mittag. „Wer durchs Schlüsselloch guckt,
dem pustet das Christkind die Augen aus, drohte Mariechen,
unsere Hausgehilfin („Dienstmädchen sagte man damals
- bis zu ihrem Tode waren wir mit ihr freundschaftlich verbunden).
Unsere Mutter schüttelte ärgerlich den Kopf, wenn Sie
solche Worte hörte. Die Drohung hätte höchstens Irmi,
die damals vier Jahre alt war, abgeschreckt und die reichte sowieso
nicht ans Schlüsselloch heran. Wir Großen belagerten
immer wieder die Türen, um heimlich etwas von der Weihnachtspracht
zu erhaschen. Einmal, als niemand in der Nähe war, bemerkte
ich, daß der Schlüssel steckte. Da konnte ich nicht widerstehen
und schloß auf. Was ich da sah, machte mich vor Freude ganz
taumelig: Auf meinem Tischchen saß ein Puppenjunge mit Schlafaugen
und echten Locken, genau, wie ich ihn mir sehnlichst gewünscht
hatte. Ich nahm ihn sofort in den Arm. In dem Moment hörte
ich Schritte. Schleunigst setzte ich ihn zurück, machte die
Tür zu und tat recht harmlos, als meine Mutter ins Zimmer trat.
- „Du warst doch nicht etwa im Weihnachtszimmer? sagte Sie.
- „Ich -- nö --, das kann ich doch gar nicht, das Zimmer
ist doch abgeschlossen, schwindelte ich und kam mir sehr schlau
vor. Und als Sie dann ernsthaft ihre Frage wiederholte, leugnete
ich standhaft.
Es wurde das
schlimmste Fest, an das ich mich erinnere. Als wir nämlich
am Heiligen Abend zur Bescherung gingen, lagen auf meinem Platz
allerlei Geschenke, aber kein Puppenjunge. Ich war tief enttäuscht
und durfte es mir doch nicht anmerken lassen, mußte strahlen
und so tun, als würde ich mich schrecklich freuen. Erst am
nächsten Tag war ich wieder glücklich. Da stand nämlich
der Puppenjunge unterm Weihnachtsbaum bei den Großeltern.
Am Heiligen
Abend hatten wir bis zum letzten Augenblick zu tun. Ich wurde nie
pünktlich fertig und stand meist noch im Unterrock da, wenn
unser Vater zum Aufbruch zum gemeinsamen Kirchgang rief. Von der
Predigt verstanden wir wenig, wir waren auch viel zu ungeduldig,
um zuzuhören, aber die großen Tannenbäume mit den
flackernden Wachskerzen und das Orgelspiel machten unvergeßlichen
Eindruck. Nur einmal, als ich mich bemühte, hinzuhören,
was der Pastor sagte, bekam ich einen Schrecken: Er betonte, daß
nicht die Geschenke den Sinn des Festes ausmachten. Ich war ganz
entsetzt und fürchtete schon, es würde künftig höchstens
einen Baum und nichts weiter geben. Nur der Gedanke, daß jedenfalls
diesmal schon alles vorbereitet war, tröstete mich. Im nächsten
Jahr würde meine Mutter die Worte des Pastors sicher wieder
vergessen haben.
Zu Hause versammelte
sich dann die große Familie, Eltern, Kinder, Großeltern,
Tante Ännchen (eine Cousine meiner Großmutter), Onkel
Felix (Schuchard, Vetter meiner Großmutter Erbslöh),
die Mädchen Marie und Mariechen im Biedermeierzimmer, und wir
sangen ein Weihnachtslied. Ich muß gestehen, es war kein musikalischer
Genuß. Bis auf Tante Else war keiner stimmbegabt in der Runde.
Nur Marie (das Mädchen der Großeltern, Cousine und Patentante
von Mariechen) und Mariechen hielten die Stimme. Dann öffnete
sich die Flügeltür und wir schritten ins Weihnachtszimmer,
die Jüngsten voran, paarweise folgten die Erwachsenen. Bevor
wir zu den Geschenktischen gingen, wurde der Weihnachtsbaum bewundert.
Er war mit bunten Kugeln geschmückt und reichte bis zur Decke
des hohen Zimmers. Vor ihm war die Krippe aufgebaut, die Figuren
standen immer am gleichen Platz, auf den Stufen, die zum Stall führten,
brannten Kerzen und wurden zur Gefahr für die Wachsengelchen,
die in ihrer Nähe schwebten. Eins von uns Geschwistern sagte
die Weihnachtsgeschichte auf, während die anderen wenig andächtig
zum Knusperhäuschen schielten, das in ihrem Blickfeld lag.
Eine Kehrtwendung
zu den Geschenktischen wagten wir nicht. Die Schönheit des
Lukas-Evangeliums ist mir erst viel später aufgegangen, zu
einer Zeit, als die Geschenke zwar größer waren, aber
nicht mehr so im Vordergrund standen. Dann endlich ging es zu den
Tischen. Wir Kinder hatten jeder seinen eigenen, niedrigen, der
aus einem auf zwei Stühle gelegtes Brett bestand, das mit einem
tannengeschmückten weißen Tuch bedeckt war.
Das gemeinsame
Abendessen in Mutters Zimmer betrachteten wir als höchst unliebsame
Unterbrechung unserer Freuden. Das konnte auch der verheißungsvolle
Menüname „Prinzeßkartoffeln, Kalbsbrieschen und Weincreme
nicht ändern. Den Erwachsenen hingegen schien das Essen wichtiger
zu sein als die Geschenke. Es zog sich - wie uns schien - unendlich
in die Länge. Nachdem die Mädchen abgeräumt hatten
- unterstützt von Frau Groß, die mit ihrer Familie im
Keller eine Wohnung hatte - nahm man im Kreis Platz und es ging
an das Paketeauspacken. Die handwerklich begabten Appeliuskinder
aus Düsseldorf stellten unsere „Kunstwerke jedesmal weit
in den Schatten - nicht gerade zu unserer Begeisterung. Helle Begeisterung
rief dagegen Onkel Felix mit seinen Überraschungen hervor.
Aus einem großen schäbigen Rucksack, der schon viele
Auslandsreisen mitgemacht hatte, zauberte er wahre Wunderdinge hervor
- Sachen, die wir uns heimlich gewünscht hatten, für die
wir aber „eigentlich noch zu klein waren, die „zu teuer waren,
um in Betracht zu kommen oder Geschenke, an die wir nicht im Traum
gedacht hatten. Noch lange Jahre, wenn vom „Weihnachtsmann
die Rede war, erschien er uns in der Gestalt unseres Lieblingsonkels
Felix.
***
Der
erste Feiertag
Der erste Weihnachtsfeiertag
begann für uns Kinder himmelfrüh. Während wir sonst
morgens nicht aus dem Bette kamen, waren wir an diesem Tag oft schon
um 7 Uhr putzmunter. Und das, obwohl wir am Heiligen Abend viel
später als üblich ins Bett gekommen waren. Allerdings
früher als die Erwachsenen, denn die wollten auch an diesem
Tag noch ein bißchen „unter sich sein.
Leise schlüpften
wir in unsere Hausschuhe - „Wau-wau-schuhe genannt - zogen
unsere „Fräcke an - das waren rote Morgenmäntel
- und schlichen ins Weihnachtszimmer, ganz leise, denn die Eltern
wollten ausschlafen.
Im großen
Eßzimmer duftete es herrlich nach Tanne, Lebkuchen und Apfelsinen.
Zuerst klapperten wir, trotz unserer warmen Mäntel, ein bißchen
vor Kälte, bis dann die Heizung angefeuert war.
Unser Großvater
Appelius war ein sehr fortschrittlicher Mann. Er besaß nicht
nur eins der ersten Autos in Eisenach, er ließ auch sehr bald
die Öfen durch eine Zentralheizung ersetzen. Jeden Morgen kam
ein Mann aus der Nachbarschaft und füllte den Heizungskessel
im Keller mit Koks nach. Um diese Heizung wurden wir sehr beneidet.
Vor allem im Winter 1928/29. Da war es so bitter kalt, daß
in fast allen Häusern das Wasser eingefroren war. Die Nachbarn
standen mit Eimern Schlange bei uns, um Wasser zu holen und um unser
Klo zu benutzen.
Das hat mir
so imponiert, daß es das Hauptthema im Schulaufsatz „Der Winter
war. Mein Lehrer hat darunter geschrieben „Thema verfehlt,
aber mir trotzdem eine Eins gegeben. In diesem Winter trugen viele
Leute Nasenschützer - das sah vielleicht komisch aus!
Sonst haben
wir drei Geschwister uns viel gestritten, aber zu Weihnachten herrschte
Frieden. Da waren wir alle großzügig. Günther ließ
uns „Weiber am Kaufmannsladen tüchtig einkaufen - sogar
mit Selbstbedienung. Dafür durfte er mit ins Puppenhaus. Das
war ganz primitiv, aber so groß, daß man hineingehen
konnte. Stühle, ein Tischchen, Puppenbetten und natürlich
sämtliche Puppen fanden darin Platz.
Jeder hatte
einen Teller mit Süßigkeiten auf seinem Geschenktisch
stehen, aber viel reizvoller waren natürlich die Schokoladenkringel
am Weihnachtsbaum. Eigentlich wurde der Baum erst am 6. Januar,
kurz vor dem Abräumen, zum Plündern freigegeben. Aber
in jedem Jahr, wenn es soweit war, stellte unser Vater mit gespieltem
Erstaunen fest: „Es hing doch diesmal besonders viel am Baum, und
jetzt finde ich nur noch ganz oben ein paar armselige Kringel!
In der Mitte
des Zimmers stand ein langer weißgedeckter Tisch mit den Geschenken
der Erwachsenen. Natürlich besichtigten wir auch ausgiebig
diese Sachen. Die vielen Alpenveilchen in der Mitte sahen ja recht
hübsch aus, aber die meisten Sachen fanden wir doof bis auf
die Geschenke, die wir selbst fabriziert hatten! Da gab es viele
Flaschen, Deckchen und Kissen und seltsame Büchsen mit merkwürdigen
Inschriften. Auf einer stand „Neunaugen", das war eine besondere
Art von eingelegten Fischen. Einmal stand auf Vaters und Mutters
Platz genau das gleiche Kaffeeservice. Das hatten Sie sich gegenseitig
geschenkt, ohne es voneinander zu wissen.
Um halb Zehn
gab es gemeinsames Frühstück, unser Vater legte großen
Wert auf Pünktlichkeit. Danach kamen unsere Freunde und Freundinnen,
um unsere Geschenke zu bewundern und zum Spielen.
Das Mittagessen
fand im „Oberhaus bei den Großeltern Appelius statt.
Da gab es traditionsgemäß Gänsebraten, Rotkraut
und Thüringer Klöße. Günther und Tante Else
leisteten beim Kloßessen das meiste. Es war direkt ein Wettbewerb,
und wir waren immer wieder verblüfft, wie die superschlanke
Tante Else drei kindskopfgroße Klöße schaffte.
Vor dem Essen
waren wir jedesmal eindringlich ermahnt worden, uns wenigstens diesmal
ordentlich zu benehmen. In punkto schlechter Manieren kannte Opa
keine Gnade, und er war auch für seine Tochter, unsere Mutter
noch Respektsperson. Sie setzte sich darum uns gegenüber, um
uns mit strengen Blicken zu dirigieren. Wir machten uns dann einen
Spaß daraus, Sie zu blamieren. Wenn Sie gerade den Kopf schüttelte,
ein mahnendes Gesicht zog, sagte Günther vernehmlich: „Warum
guckst du nur so komisch, Mutti?" Oder: „Wer hat denn so lange Beine
und tritt mich dauernd!
Aber auch das
langweiligste Essen geht vorüber. Und nun folgte das schönste:
Es gab noch einmal eine Kinderbescherung. Jedes Kind bekam ein Geschenk,
oft etwas zum Anziehen. Oma Röschen war eine unermüdliche
Strickerin und beglückte uns mit Jacken, Westen, Pullover und
Strümpfen, die zwar gut wärmten aber elend kratzten. Sie
wurden mit einem Gummiband am „Leibchen angebracht, denn die
Mädchen trugen damals höchstens zum Skilaufen lange Hosen.
Der schönste Baum, die besten Geschenke waren aber nichts gegen
die Puppenküche und das Puppenhaus mit Zimmern, Küche
und einer kleinen Familie, die in diesem Haus wohnte. Das Puppenhaus
hatte schon der Großmutter gehört. Und in jedem Jahr
durften wir in den Weihnachtstagen damit spielen. Danach verschwand
das Puppenhaus ebenso wie die Puppenküche wohlverborgen auf
dem Boden. So war es für uns immer wieder etwas Neues, ganz
Besonderes. Nicht nur für uns Kinder. Tante Hanna, Tante Else
und Tante Trude, eine Appelius-Verwandte aus Kassel, spielten mit
wachsender Begeisterung mit.
Besonders beliebt
war das Puppendienstmädchen „O Donna Clara (so hieß
damals ein Schlager), die abends heimlich ihren „Schatz" ins Haus
ließ. Daraufhin folgte ein Ehekrach zwischen Puppenmama und
Papa. Und unsere Tanten konnten vor Lachen oft nicht weiterspielen.
Wir lachten aus vollem Halse mit, wenn uns auch nicht recht klar
war, warum und worüber.
Den Abschluß
des Tages bildete das Kochen in der Puppenküche. Mit einem
Spirituskocher wurde der kleine Herd beheizt. Es dauerte eine Ewigkeit,
bis das Wasser für die Suppe kochte. Das Menü stand fest:
Es gab Sternchennudeln, winzige Fleischklößchen und hinterher
Pudding (der meist anbrannte). Auf winzigen Tellerchen wurde serviert,
mit Puppenbestecken gegessen. Selten hat uns etwas so gut geschmeckt,
wie das selbstgekochte Essen am ersten Weihnachtsfeiertag.
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