ADOLF ERBSLÖH
IN DEN FAMILIENBERICHTEN 1914-1918












Adolf Erbslöh, 1915

Im 100. Geburtsjahr des Vaters, Großvaters und Urgroßvaters Carl Julius Erbslöh trafen sich seine Nachkommen im Juni 1914 in Bad Godesberg und gründeten den Familienverband Julius Erbslöh, der sich zum Ziel setzte, das Wohlergehen der Angehörigen zu fördern, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit unter ihnen in guten und in schlechten Zeiten zu pflegen und bedürftige Familienmitglieder zu unterstützen. Die Schüsse von Sarajewo bereiteten dem fröhlichen Beisammensein ein jähes Ende.

Der kurz danach, am 10. August 1914, erschienene erste Familienbericht enthält aus der Feder des Schriftführers Carl Hugo Erbslöh, sen. das folgende Vorwort:

„Bei unserem ersten Familientag, welcher jedem von uns, der ihm beigewohnt hat, wohl unvergeßlich bleiben wird, habt Ihr mich zum Schriftführer des Familienverbandes gemacht. Niemand hätte sich damals die furchtbar ernste Lage, in welche uns die nächsten 5 Wochen bringen würden, auch nur in Gedanken ausmalen können. Heute ist es, glaube ich, unser gemeinsamer Wunsch, von dem gegenseitigen Ergehen und namentlich von dem unserer Söhne, welche im Feld stehen, baldigst Nachricht zu erhalten und ich denke, es ist Euch recht, wenn ich mich als Euer Schriftführer berufen fühle, Nachrichten über sie zu sammeln und sie an Euch weiterzugeben, denn wichtigere Vorgänge, wie sie die große Zeit für das Leben jedes Einzelnen von uns bringen wird, wird wohl keiner von uns wieder erleben."

In der Folgezeit sammelte er die Nachrichten über die im Felde stehenden Familienmitglieder und gab jene vervielfältigt an die Familie weiter. Bis zum Ende des ersten Weltkrieges wurden 132 solcher Berichte versandt, die uns noch heute vollständig im Original vorliegen.

Im folgenden sind als Auszüge aus der Gesamtzusammenstellung sämtliche Nachrichten von oder über Adolf Erbslöh (1881-1947) wiedergegeben.

Andreas Erbslöh, 1997

Auszug aus:

Familienverband Julius Erbslöh, Familienberichte 1914-1918 (Kriegsberichte), Redaktion: Carl Hugo Erbslöh sen., Düsseldorf, Abschrift 1996-97: Else Appelius, Redaktion: Andreas und Diethard Erbslöh, Zusammenstellung: Andreas Erbslöh, 1997

VORWORT
 

20. August 1914

Adolf ist mit Ady auf Burg Kahlenberg und hilft einstweilen dem Inspektor bei der Buchführung. Er erwartet demnächst seine Einberufung zum Landsturm des 7. Armeekorps.

Von Familie Schuchard erfahre ich durch Adolf, daß Hugo Schuchard Ordonnanzoffizier bei den Casseler 167ern (Infanterie-Brigade General Nordbeck) ist. Dem Regiment gehört auch Major Hans Schmidt an. Sie sind wahrscheinlich nach Belgien ausgerückt. Herr Stölting, Paulas Gatte (die sämtlichen Stölting sind im Felde) stand mit seinen Lüneburger Dragonern bei Lüttich, hat die Einnahme von Lüttich mitgemacht und ist unverletzt geblieben. Liesbeth Schmidt bleibt vorläufig mit ihrer Tochter in Cassel und ist bei Einrichtung eines Lazaretts für Leichtverwundete tätig.


14. November 1914:

Aus einem Briefe von Adolf Erbslöh aus München (Habsburgerstraße 8 II) entnehme ich das folgende:

„den 5. Nov.: Allmählich tröstet man sich darüber, daß man zu Hause hocken muß und macht sich wenigstens so weit nützlich wie man kann. Man konnte mich weder als Freiwilligen (Blinddarm) noch als Sanitäter (alles überfüllt) brauchen - es war ekelhaft, aber nichts zu machen. Jetzt bin ich hier für den Wohlfahrtsausschuß tätig - es wird für die hilfsbedürftigen Angehörigen der im Felde Stehenden eine große Verlosung veranstaltet, für die von allen größeren Geschäften und von Tausenden von Privatleuten Gewinne aller Art gestiftet worden sind, als da sind Bilder, Bronzen, Möbel, Luxusgegenstände, ja sogar ein ganzer Flügel und Zimmereinrichtungen... Seit Montag sind Addy und die Kinder wieder hier. Wir haben eine neue Wohnung (ebenfalls in Schwabing liegend) bezogen und fühlen uns da sehr wohl ..."


9. Januar 1915:

Am verfl. Sonntag, den 3. d. M. waren wir der freundlichen Einladung von Walther und Mathilde folgend, bei ihnen zum Familientage in der Anzahl von 24 (darunter - ein Zeichen der Zeit - nur 8 Herren) versammelt, zum ersten Male seit den schönen Godesberger Tagen, die sich wie ein lichtes Bild gegen die heutige ernste Zeit abheben. Wir hatten die seltene Freude, Adolf und Addy Erbslöh bei uns zu sehen.


10. April 1915:

Von Adolf Erbslöh gingen mir aus München die folgenden Mitteilungen zu:

„Endlich bin ich auch mang die Soldaten und brauche mich nicht mehr zu schämen, noch immer in Zivilistenkleidern herumzulaufen. Seit vorigen Montag bin ich hier beim Infanterie-Leib-Regiment eingezogen und fühle mich sehr glücklich im Dienst und in dem ganzen Kasernenbetrieb. Ich habe mal wieder Dusel entwickelt, gerade zu den „Leibern" gekommen zu sein; das ist nämlich das Münchener Infanterie-Regiment - in Berlin würde es Garde-Regiment heißen -. Die Ausbildung soll zunächst 4 Wochen in München sein, dann sollen wir hinter die Front kommen und dort zu Ende gedrillt werden. Habe reizende Vorgesetzte und Kameraden."

Adolf ist wohl der letzte des Kontingentes, das unsere Familie zum Heer stellen kann und wünschen wir ihm Glück für seine kriegerische Laufbahn. Findet er Zeit, seine Beobachtungen auf diesem neuen Gebiet in Skizzen wiederzugeben, so werden ihm die Leser der Familienbriefe für die schätzenswerte Bereicherung, welche dieselben dadurch erfahren würden, gewiß dankbar sein.


21. Mai 1915:

Über Adolf erfahre ich, daß er sich einer Blinddarmoperation unterzogen hat, die gut geglückt ist. Er hat 6 Wochen Urlaub und wünschen wir ihm, daß er sich in dieser Zeit völlig erholt. Er befindet sich in München im Carolineum Mandlstr.



29. Mai 1915:

Wer ein Bildnis von Adolf als „Leiber" sehen will, verschafft sich Nr. 121 d. Illustr.-Unterhaltungs-Beilage vom „Der Tag" (27. Mai). Die Ähnlichkeit erscheint mir ziemlich unverkennbar.


14. August 1915:

Adolf schreibt launig von Augsburg am 10. ds.:

„Ich bin seit gestern zum Landwehr-Inf.-Reg. Nr.1 nach Augsburg versetzt. Diese Versetzung habe ich schon seit einiger Zeit angestrebt, da in diesem Regiment mein Freund Bataillons-Adjutant ist. Ich habe mal wieder meinen bekannten Dusel entwickelt und bin gleich zum Offiziers-Asp.-Kurs ausersehen worden. Auch sonst komme ich mir wie der große Mann vor, indem daß ich jetzt nicht mehr die Kaserne zu schrubben und die Kommißstiefel zu wichsen brauche. Der Major malt, der Hauptmann ist ein großer Musiker, ich befinde mich also ganz in der richtigen Gesellschaft. Der Major sagte, er kenne meine Bilder, worauf der Hauptmann ihm bedeutete, ich sei aber bloß der Sohn des Malers Erbslöh. Worauf ich erwiderte: „Nee, Herr Hauptmann, det bin ick selber."


3. September 1915:

Von Adolf die folgende Karte v. 2. Sept.:

„Ich bin Gefreiter geworden - die erste Stufe zum General ist erklommen!

Euch allen gehts hoffentlich gut! Freuen wir uns von Herzen unserer herrlichen Siege im Osten und hoffen wir, daß es auch im Westen bald wieder vorwärts geht!"


8. Oktober 1915:

Adolf teilt mir mit, daß er am 1. Okt. Unteroffizier geworden ist, wozu wir Glück wünschen. Er meint, daß es nun nicht mehr allzulange dauern wird, bis er ins Feld geht. Addy und die Kinder sind wieder in München.


20. November 1915:

Von Adolf Erbslöh erfahre ich, daß er am 15. ds. zur Kompagnie gekommen ist.

Adolf schreibt ferner:

„Gestern erhielt ich die Nachricht, daß Dr. H., der Leiter unseres Luftschiff-Unternehmens, bei Tahure in der Champagne an der Spitze seines Zuges gefallen ist. Es ist mir sehr nahe gegangen. Jetzt sind alle 3 Leiter unserer beiden Luftfahrzeugunternehmen tot. Ein tragischer Abschluß einer einst hoffnungsfrohen, allzu rasch ins Grab gesunkenen Unternehmung."


5. August 1916:

Adolf schreibt mir am 2. Aug. aus Augsburg-Pfersee:

„Ich komme in den nächsten 14 Tagen zum 95. Inf.Regt. (liegt bei Verdun), wo ich beim Regimentsstab als Kriegsmaler Verwendung finden soll. Ich bin sehr glücklich über diese Aussicht. Es war ein lange gehegter Wunsch von mir, mich draußen künstlerisch betätigen zu können."

Wir freuen uns, daß Adolfs Wunsch erfüllt wird und wünschen, daß diese friedliche Tätigkeit im Kriege mit Künstlerruhm gekrönt wird, zugleich auch, daß sie ihm zu häufigen Berichten über seine Erlebnisse Zeit läßt.


23. September 1916:

In einem freundl. zur Verfügung gestellten Briefe von Adolf vom 7. ds. M. berichtet er über sein Ergehen wie folgt:

„Vorgestern nachmittag kam ich hier im Waldlager beim Stabe des J.R.95 an. Der Oberstleutnant war ein paar Tage vorher gerade mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier in den Gefechts-Stand nach vorne gezogen. So traf ich nur den Regimentsarzt und auf dem Geschäftszimmer den Regimentsschreiber mit seinen Trabanten an. Später lernte ich auch noch den Verpflegungsoffizier und den Musikmeister kennen.- Ich installierte mich in dem mir zugewiesenen Blockhäuschen, wohne dort zunächst allein, bis am 9ten zwei Unteroffiziere aus dem Gefechts-Stand zurückkommen, so daß wir dann zu dritt hausen.- Dieses Waldlager ist ein Idyll. Unter prachtvollen Buchen stehen, bald mehr vereinzelt, bald dichter zusammen die verschiedenen Blockhäuser, die den Regimentsstab und die Brigade beherbergen. Daran an schließen sich die Unterkunftshäuser und Quartiere der gerade in Ruhe befindlichen Truppen.- Es ist unglaublich, was seit dem Mai dieses Jahres hier alles geschaffen worden ist. Quer durch den Wald ziehen sich ganze Straßenzüge (die Carl-Eduard-, die Victoria-Adelheid-Straße), unterbrochen von reizend angelegten Plätzen, wo abends die Soldaten sitzen und Spiele machen können. Dann gibt's natürlich Arbeitsplätze, Futterstellen, Cantinen usw. Plätze für die verschiedenen Bagagen usw. usw. Sogar eine Buchhandlung und ein Kintopp. Besonders hübsch sind die Offizierswohnungen mit z.T. blumenbehangenen Veranden davor; man glaubt sich in einer Waldsommerfrische.- Die Luft ist entsprechend würzig und anregend, die Temperatur ziemlich kühl und alles macht schon einen herbstlichen Eindruck.-

Wenn man nicht den fast andauernden Donner der Geschütze hörte, würde man nicht an Krieg denken. Im ganzen ist's vor Verdun ja jetzt ziemlich ruhig, doch schweigt ja die Artillerie nie ganz.- Bis zur Stellung ist's noch etwa 2 Stunden zu marschieren. Da es für einen beschränkt kriegsverwendungsfähigen Unteroffizier eine offizielle Stelle als Kriegsmaler nicht gibt, so bin ich hier so quasi als Hilfsschreiber angestellt (das Kind muß einen Namen haben) und habe vorläufig die Kriegs-Rangliste der Offiziere unseres Regiments zu führen, eine lächerlich geringfügige Arbeit, damit ich eben für meine übrige Tätigkeit als Maler genügend Zeit übrig habe. Gezeichnet habe ich bereits Verschiedenes, warte im übrigen auf die Ankunft meiner Malkiste, um richtig loszulegen.- Tritt man aus dem Waldlager heraus, so genießt man einen wundervollen Fernblick auf das hügelige Vorgelände von Verdun und davor auf das langgestreckte Tal, wo sich die Bahnlinie von Br. bis E. hinzieht. Bis Br. werden die Truppen befördert, von dort ab gehen nur noch Munitionstransporte weiter vor.-

Die Verpflegung ist ausgezeichnet. Wir haben einen sehr guten Koch, der in Friedenszeiten ein kl. Restaurant und eine Konditorei in Bern hat. Ein Backofen ist kürzlich gebaut worden und so gibt's täglich frische Weißbrötchen. In unserem kleinen Eßzimmer essen wir vorläufig zu viert: der Feldwebelleutnant (Verpflegungsoffizier), der Musik(Kapell)-Meister, der Regimentsschreiber und ich. Abends wird gelesen, geschrieben und Skat gespielt. Manchmal gibt es Eier.- Gegenüber dem Feldrekrutendepot in H., wo ich zuerst 10 Tage war, fühlt man sich hier wie im Himmel. Dort gibt's keine gute Kost, viel Schmutz, Flöhe und auch Ratten - von alledem sind wir hier verschont und genießen zudem wieder die Wohltat, von richtigen Tellern zu essen.-

Wie sich meine Maltätigkeit gestalten wird, darüber kann ich nun noch gar nichts sagen. Vom Krieg werde ich ja erst etwas sehen, wenn ich mal mit nach vorne komme, aber die Gegend hier, Bilder aus dem Waldlager und den umliegenden z.T. ziemlich zerschossenen Ortschaften denke ich auch ausgiebig zu malen. Sobald ich ein Skizzenbuch voll habe, schicke ich es heim, damit es in Sicherheit ist, und denke es später auch so mit den einzelnen Oelstudien zu machen.- Wie lange wir noch hier vor Verdun bleiben, ist ganz unbestimmt. Wer weiß, ob wir nicht bald nach Rußland oder Rumänien kommen. Der eine mutmaßt dieses, der andere jenes. Warten wir es in Ruhe ab.- Ich hoffe bald einmal Siegfried zu begegnen u. Walter u. Hugo Schuchard. Auch Oberstleutnant von Abercron liegt hier in der Nähe."


13. Oktober 1916:

Eine Karte Adolfs vom 7. ds. bringt das Folgende:

„Schon lange wollte ich Dir einmal schreiben, komme aber auch heute nur zu einer Karte. Ich habe viel gearbeitet in allem möglichen Material. War kürzlich für einige Tage vorne und zeichnete die franz. Stellung vom vorderen Schützengraben aus. Als die Kerle anfingen, meine Stelle mit Minen zu beschießen, war ich gerade fertig und konnte in einem Unterstand verduften. Eine ausgeführtere Pastellstudie machte ich von Höhe 304 mit dem berühmten Granatwäldchen (Alsace), das gibt später hoffentlich mal ein größeres Bild. Wetter schauderhaft, Stimmung ausgezeichnet."


28. Oktober 1916:

Durch Else erhielt ich die folgenden Nachrichten Adolfs vom 19. ds.:

„Am 5. Okt. suchte unser Regiment vom Waldlager die Höhe 304 ab, machte unterwegs in einigen Dörfchen und Städtchen Halt und liegt jetzt in einer Gegend, die ich noch nicht nennen darf. Der Zug, mit dem unser Stab fuhr, hatte unterwegs einen Zusammenstoß mit einem Güterzug. Leider gab es 3 Tote und 16 Verwundete. Ich saß in einem der letzten Wagen und bekam nur einen heftigen Stoß mit.- War dann einen Tag zur Beerdigung der Toten in Laon abkommandiert und hatte bei der Gelegenheit Muße, mir diese uralte hochinteressante Stadt d. Näheren anzusehen. Habe inzwischen wieder viel gezeichnet und gemalt. Jetzt leider Regenwetter. Die Tage werden schon recht kurz, es geht in den Winter hinein; liegen vorläufig in kleiner Ortschaft. Haben angenehme Quartiere. Kann nächstens mein 2tes volles Skizzenbuch an Addy schicken.- Zu einer Versenkung in künstlerische Probleme langt die Zeit natürlich nie, es heißt streng nach der Natur zeichnen und später eine reiche Ernte mit nach Hause zu bringen, aus der man schöpfen kann.- Schickt diese Zeilen bitte an Onkel Hugo für den Familienbericht.- Croce, der gute Kerl, schickte mir ein Freßpaketchen. Er muß leider noch 2 Mal operiert werden.- 1000 herzl. Grüße."

Wir freuen uns sehr, daß Adolf bei diesem Eisenbahnunglück unverletzt blieb.



11. November 1916:

Von Adolf erhielt ich einen Brief aus Vaulx v. 2. ds. M.:

„Seit 14 Tagen liegen wir nördlich der Somme und unser J.R.95 ist seit 8 Tagen eingesetzt. Gottlob sind die Verluste nicht allzu groß. Hoffen wir, daß es so bleibt! Mich hat man zum Quartiermacher der Ortskommandantur in Vaulx gemacht; das ist ein kleines Städtchen, 12 km hinter der Front, mit schöner gotischer Kirche aus dem XIV. Jahrhundert, die mich immer so anschaut als wollte sie sagen: „Mal mich doch!", aber mit dem Malen ist's jetzt nichts, ich habe Tag und Nacht zu tun mit dem Quartiermachen für alle die Truppen, die hier z.T. länger, z.T. nur ganz kurz liegen; es geht toller zu als in einem Bienenhaus und ich bin ordentlich stolz, daß ich von den etwa 70 verschiedenen Formationen, die ich gleichzeitig im Kopf haben muß, bis jetzt nur einmal eine vergessen habe. Das gab dann allerdings gleich einen wüsten Schlamassel und ich bekam einen Gehörigen auf den Kopf von unserer 38. Inf.Div. U.a. liegt seit gestern auch das Artillerie-Regt. von Hans Erbslöh hier. Ich machte gleich Bekanntschaft mit ein paar Offizieren, die ihn kannten.- Bei unserem Familientag an der Somme hoffe ich bald einmal der 4te im Bunde sein zu können. Es wäre zu lustig, die Vettern hier alle zu sehen. Walter ist übrigens bei unserem Regt. ein sehr bekannter Mann. Alle erinnern sich seiner noch von 1914 und 15 her.-

Im letzten Familienbrief hat sich ein komischer Druckfehlerteufel eingeschlichen. Es muß heißen: „Am 5. Okt. rückte unser Regiment vom Waldlager vor Höhe 304 ab"; wir hatten also im wahrsten Sinne des Wortes „nichts mehr da zu suchen".-

Vom Kriege merkt man hier nur den manchmal wahnwitzigen Geschützdonner und eine rege Fliegertätigkeit, die sehr interessant zu beobachten ist. Manchmal verirrt sich auch eine Granate her, aber das ist ziemlich selten.

Mit herzlichen Grüßen an alle lieben Verwandten."


2. Dezember 1916:

Von Else erfahre ich, daß Heinrich W. am 9. v.M. in ein Feldrekrutendepot im Westen hinter der Front abrückte und seit dem 25ten in einem kleinen Ort südl. St. Quentin an einem Maschinengewehr-Kursus teilnimmt, der bis zum 1. Jan. dauert.

Ferner schreibt sie, daß Adolf seit dem 21. v.M. auf Urlaub in München ist und dieser bis zum 6. ds. läuft. Sein Regiment befindet sich nach schweren Kämpfen z.Zt. in Flandern in Ruhestellung.


19. April 1917

Adolf erfreute uns durch eine kleine Sendung seiner sehr gelungenen anschaulichen Postkarten, zu deren Ausführung er einen Teil seines 14-tägigen Urlaubs in München benutzte. In seinem Abschnitt, in den er Anfang des Monats zurückkehrte,

„ist's zur Zeit sehr interessant - aber man darf ja nichts Näheres schreiben."


10. August 1917:

Georg ist seinem Regiment in Wesel treu geblieben und über

Adolf vernehme ich, daß er sich in der Gegend von Ypern, also auch in der Nähe schwerer Kämpfe, befindet. Er hofft, gegen den 15. ds. in Urlaub kommen zu können.



22. Dezember 1917:

Adolfs Regiment steht, oder stand wenigstens vor 14 Tagen, in Flandern. Er hatte schwere Kämpfe erlebt

„und wieder mal das Glück gehabt, mit heiler Haut davon zu kommen".

Im November war er in München und hatte 4 große Ausstellungen in Hamburg, Hannover, Frankfurt und Cölln zu beschicken.



11. Mai 1918:

In einem Briefe Adolfs v. 21. v. M. heißt es:

...... „Unser Regiment ist nun auch längst bei der Offensive beteiligt. Gottlob sind unsere Verluste ziemlich gering! Ich war zunächst mit vorne, dann schickte man mich zurück als Hüter unserer Bagage. Nun hocke ich in einem kleinen Neste weiter hinten und warte auf weitere Befehle. - Das Wetter hat sich wieder aufgeklärt und nun rattern die Flieger von neuem los. Die letzten Tage waren sehr rauh und winterlich. Es schneite und es wehte ein eiskalter Wind. - Einliegend schicke ich Dir eine Zeitungsnotiz, die Dich vielleicht interessiert. In der letzten Zeit bin ich weniger zu künstlerischen Arbeiten gekommen; die Eindrücke folgen sich zu rasch, außerdem war's auch zu ungemütlich da vorne zum Zeichnen - da hat der photogr. Apparat dafür seine Schuldigkeit getan.

Die Verwüstungen sind entsetzlich. Die Schneid und Ausdauer unserer Truppen über alles Lob erhaben. Zum Glück gibt's auch die schönsten Dinge zu erobern: Wein & Champagner, Bier, Fleisch, Mehl, Kaffee, Kartoffeln, Gemüse usw. Herrenlose Schweine und Kälber laufen einem entgegen, allerdings nicht gebraten, aber das besorgen unsere Kerls mit unheimlicher Geschwindigkeit."

In der Zeitungsnotiz wird eine Ausstellung des Erfurter Kunstvereins zur Kenntnis gebracht, die auf eine Folge von Kriegszeichnungen des als Kriegszeichner beim 95. Inf.-Regiment beschäftigten Adolf Erbslöh hinweist.: ..... „Eine schlichte Sicherheit und künstlerische Feinheit erhebt diese Blätter über das meiste, was uns an Kriegsgraphik bekannt ist ......"


10. Oktober 1918:

Über Adolf erfuhr ich in München, wo ich mich am 5. und 6. ds. aufhielt, ihn aber leider nicht antraf, daß er einen 3-wöchigen Urlaub habe, dessen letzte - die gegenwärtige - Woche er in München bei den Seinigen verbringen werde.

 
 

© 2011 FAMILIENVERBAND JULIUS ERBSLÖH
REDAKTION: ANDREAS ERBSLÖH